Buddhistische Gemeinschaft Triratna
(nach Bodhipaksa, wildmind.org | Übersetzung von Christina Reiß)
Wissenschaft und Mitgefühl

Wissenschaft und Mitgefühl

Mitgefühl wird zu einem der Hauptthemenfelder, mit denen sich die wissenschaftliche Forschung heutzutage beschäftigt. Die gute Nachricht ist, dass sich herausgestellt hat, dass Mitgefühl angeboren ist und dass es uns glücklicher, beliebter und gesünder macht.

1. Mitgefühl ist fest in uns verankert

Wissenschaftler des Max Planck Instituts haben die Reaktion Zweijähriger beobachtet, die Erwachsene gesehen haben, die Hilfe brauchten, weil sie einen Gegenstand hatten fallen lassen und Schwierigkeiten hatten, ihn wieder aufzuheben. Die Pupillengröße der Kinder vergrößerte sich – ein Zeichen vergrößerter Sorge – als sie die Erwachsenen in ihrer Notlage beobachteten. Ihre Sorge verringerte sich dann, wenn es ihnen erlaubt war, zu helfen (und 10 von 12 Kindern wollten helfen), oder wenn sie einen zweiten Erwachsenen sahen, der dem ersten zur Hilfe kam. Die messbare Besorgnis der Kinder vergrößerte sich allerdings, wenn sie davon abgehalten wurden zu helfen und es auch niemand anderes tat.

Entgegen gängiger Sichtweisen, die Evolution als reinen Wettbewerb und ‚Überleben des Stärkeren‘ (eine Phrase, die Darwin übrigens niemals benutzte) darstellen, haben wir uns deutlich dahin entwickelt, miteinander zu kooperieren und uns umeinander zu sorgen. Wie Darwin es ausdrückte: „Gemeinschaften, die den größten Anteil der mitfühlendsten Mitglieder hatten, entwickelten sich am besten und zogen den meisten Nachwuchs auf“

2. Mitgefühl ist spontan, Egoismus ist berechnend

In einem kürzlichen Artikel in der Zeitschrift Nature berichteten Forscher von einer Studie, in der Menschen entscheiden mussten, wieviel Geld sie auf ein gemeinsames Konto einzahlen wollten. Je weniger Zeit die Menschen hatten um über ihre Entscheidung nachzudenken, umso freigebiger waren sie – im Durchschnitt 15 % großzügiger als diejenigen, die mehr Zeit zum Nachdenken hatten. In einer zweiten Studie mussten die Teilnehmer die gleiche Entscheidung in unter 10 Sekunden treffen oder aber sie hatten mehr Zeit dafür. Wieder waren diejenigen, die mehr Zeit zur Entscheidungsfindung hatten, geiziger.

Diese Studien zeigen deutlich, dass Menschen einen Erstimpuls haben, sich kooperativ zu verhalten und dass Egoismus ein bewusstes und sekundäres Phänomen ist.

3. Mitgefühl macht beliebt

Die Psychologin Kristin Layous der University of California am Standort Riverside und ein Kollege aus dem kanadischen British Columbia baten 9-11jährige, entweder drei ‚gute Taten‘ für andere vorzubereiten – wie zum Beispiel ihr Mittagessen mit anderen zu teilen oder ihre Mutter in den Arm zu nehmen, wenn sie sich gestresst fühlte – oder alternativ wöchentlich drei ihrer Lieblingsorte  aufzusuchen. Beiden Schülergruppen ging es innerhalb der vier Wochen, die die Studie andauerte, besser, aber jene Schüler, die sich für die gute Tat entschieden hatten, erlebten darüber hinaus, dass sich ihre Beliebtheit bei anderen merklich steigerte.

Die Autoren bemerkten, dass gesteigerte Akzeptanz unter Gleichaltrigen ein wichtiges Ziel sei, da es eine Reihe wichtiger akademischer und sozialer Folgen nach sich ziehe – darunter die sinkende Wahrscheinlichkeit von Mobbing.

4. Mitgefühl macht gesund

Wenn Mitgefühl den sozialen Zusammenhalt steigert, dann ist es auch wahrscheinlich, dass es gut für die Gesundheit ist. Die Forschung der Psychologen Ed Diener und Martin Seligman zeigt, dass sich aus unserem Maß an sozialem Zusammenhalt schließen lässt, wie lange wir leben werden, wie schnell wir uns von Krankheiten erholen, wieviel Glück und Wohlbefinden wir erleben und wieviel Sinn wir im Leben finden.

Eine wichtige Studie zeigt, dass ein Mangel an sozialem Zusammenhalt für die Gesundheit schlechter ist als Rauchen. Man würde erwarten, dass Mitgefühl, das uns emotional mit anderen verbindet, unsere Abwehrkräfte ankurbelt. Und tatsächlich zeigt sich in einer Studie von Thaddeus Pace und Kollegen der Emory University School of Medicine, dass jene Teilnehmer der Studie, die als Meditation die Entwicklung von Mitgefühl übten, bei Stresstests am wenigsten Besorgnis zeigten und ein reduziertes Maß an Interleukin-6 aufwiesen – eine Substanz, die mit Stress, Herzkrankheiten, Arthritis, Osteoporose, Diabetes Typ 2 und bestimmten Krebsarten in Verbindung gebracht wird.

5. Mitgefühl macht glücklich

Der Neurowissenschaftler Jordan Grafman von den amerikanischen National Institutes for Health (NIH) führte eine Studie auf der Basis von bildgebenden Daten des Gehirns durch, in der er herausfand, dass die „Glücksareale“ des Gehirns (die immer dann auf den Bildern aufleuchten, wenn wir Angenehmes empfinden oder Belohnungen bekommen) vergleichbar aktiv werden, wenn wir für wohltätige Zwecke spenden, wie wenn wir Geld bekommen.

Eine weitere Studie fand heraus, dass Menschen, die etwas geben, tatsächlich glücklicher sind, als Menschen, die etwas bekommen. Elizabeth Dunn von der University of British Columbia, schenkte Menschen, die an ihrer Studie teilnahmen, Geld. Die Hälfte der Teilnehmer wurde gebeten, das Geld für sich selbst auszugeben. Die andere Hälfte wurde aufgefordert, mit dem Geld etwas für andere zu kaufen. Am Ende der Studie fühlten sich diejenigen, die das Geld für andere ausgegeben hatten, signifikant glücklicher als jene, die für sich selbst etwas gekauft hatten.

Auch dieses Phänomen lässt sich schon früh im Leben beobachten. Eine Studie, an der Elizabeth Dunn gemeinsam mit Lara Aknin beteiligt war,  fand heraus, dass Kleinkinder bereits vor dem Erreichen des zweiten Lebensjahres glücklicher waren, wenn sie Belohnungen an andere verteilten, als wenn sie sie selbst erhielten. Und je größer ihr Opfer, desto glücklicher waren sie. Kinder, die auf ihre eigenen Anteile verzichten, damit andere profitieren können, sind glücklicher, als Kinder, die die Belohnung einfach so, ohne Einsatz bekommen.

Was lässt sich daraus schließen?

Vergleichen wir die Ergebnisse der oben genannten Studien mit der erlernten „Weisheit“, dass Menschen grundsätzlich egoistisch seien. Wirtschaftliche Modelle basieren auf der Annahme, dass wir grundsätzlich von Selbstinteresse geleitet werden und auch ganze politische Ideologien gehen davon aus. Und doch wird deutlich, dass Mitgefühl ein Teil unserer grundsätzlichen Natur ist und diesem Teil unserer Natur nachzugehen, verbessert unsere Gesundheit und bereichert unser emotionales Wohlbefinden.

Darüber hinaus ist das Maß an Mitgefühl, das wir haben, keine festgelegte Größe, sondern kann durch Praxis – zum Beispiel durch Meditation, erhöht werden.