Buddhistische Gemeinschaft Triratna
(nach Bodhipaksa, wildmind.org | Übersetzung von Christina Reiß)

Es gibt immer wieder die entstellte Vorstellung, dass es egoistisch sein, Mitgefühl für sich selbst zu haben. Der Gründer der Triratna-Gemeinschaft Sangharakshita gibt in seinem Buch Living Ethicly jenen einen Rat, die sich schuldig fühlen, glücklich sein zu wollen:

Mitgefühl

„Wie können wir uns wünschen, dass andere glücklich sind, wenn wir uns von unserem eigenen Wunsch nach Glück entfremdet haben?

Leider ist es so, dass viele von uns im Westen schon früh gelernt haben, dass es egoistisch sei, sich selbst Glück zu wünschen und wir uns deshalb unnötig schuldig fühlen, wenn wir dies tun. Eine Folge davon ist, dass wir uns häufig sogar schuldig fühlen, wenn wir glücklich SIND. Diese perverse Logik sagt uns: ‚Mit all meinen egoistischen Wünschen für mein eigenes Glück kann ich es doch unmöglich verdienen, glücklich zu sein?‘ Dies führt zu dem sogar noch perverseren Glauben, dass wir uns, wenn wir spirituelle Fortschritte machen, notwendigerweise immer größerem Leiden aussetzten. Solche tiefsitzenden Glaubenssätze, dass wir unwürdig seien, vielleicht sogar schlecht, werden die Dharmapraxis von Anfang an beeinflussen.“

Es gibt hier eine ganz Reihe von Verbindungen zu Mitgefühl und liebender Güte, aber die wichtigste ist wohl die, dass unsere Freundlichkeit und unser Mitgefühl uns selbst einschließen sollten, so dass wir lernen können, unseren Wunsch nach Glück und nach Freiheit von Leiden bereitwillig anzunehmen. In diesem Zusammenhang hat Glück mehr als eine Bedeutung und sie ist ganz sicher nicht darauf beschränkt, lächelnd durch das Leben zu gehen. Sicher, Freude ist darin eingeschlossen, aber auch ein Gefühl von Bedeutung, von Erfüllung, von Sinn und Frieden – einschließlich des Friedens, der aus der Akzeptanz von Unglücksgefühlen entsteht. Wir können auch angesichts unseres eigenen Unglücks Glück empfinden.

Lernen, unseren Wunsch nach Glück anzunehmen, ist etwas, was ich schon früher als bewussten Akt zu Beginn einer Brahmavihara Meditation vorgeschlagen hatte. Und zu lernen, unseren inneren Wunsch, frei von Leiden zu sein, anzunehmen, ist ebenfalls etwas, über das wir nachdenken können, wenn wir anfangen, bewusst Mitgefühl zu entwickeln.

Wenn wir die Wahrheit anerkennen, dass wir uns wünschen, glücklich zu sein und dass es schwer ist, glücklich zu sein, dass wir also frei von Leiden sein wollen und es trotzdem nicht vermeiden können, verbinden wir uns mit dem wohl wichtigsten Teil unseres Seins – dem Antrieb, der all unseren Handlungen zu Grunde liegt. Dies sind die Wünsche, die den Treibstoff für alles, was wir tun, liefern.

Wenn wir so über die Dinge nachdenken, bleibt ein Geschmack von Verletzlichkeit zurück. Schließlich ist es nicht leicht, ein Mensch zu sein. Das war es nie und wird es auch nie sein. Es ist schwer, sich Glück und Freiheit von Leiden zu wünschen in einem Universum, in dem Glück flüchtig und Leiden überall ist. Verletzlichkeit anzuerkennen öffnet das Herz. Doch es gibt immer einen Teil in uns, der uns, wenn wir uns unserer eigenen Zerbrechlichkeit öffnen, freundlich unterstützt und ermutigt, während wir durch das Leben gehen. Und wir alle brauchen solcherlei Unterstützung.

Wenn wir uns mit dem Herzen, also dem Teil von uns, der uns alles Gute dieser Welt wünscht, diesen Tatsachen geöffnet haben, ist es nicht schwer, dies auch für einen Freund, für jemanden der leidet, jemand Fremdes und jemanden, mit dem wir Schwierigkeiten haben – also kurz: jeden – zu tun. Denn jeder, der uns in den Sinn kommen könnte, möchte glücklich sein und leidet. Das Wunderbare daran ist, dass ein Teil von uns ihnen wünscht, dass es ihnen gut gehen möge. Dass jeder von uns als Teil seines evolutionären Erbes die Fähigkeit mitbringt, das Leiden anderer mitzufühlen und ihnen Freiheit, Frieden und Glück zu wünschen.

Für viele kann es schmerzlich sein, ihren Widerstand zu durchbrechen und anzunehmen, dass Glück (was auch immer das im Einzelfall bedeuten mag) eine würdige Motivation, ein sinnvolles Ziel ist. Es gibt Schichten in unserem Erleben von Schuld, die nur entstanden sind, um genau diese Einsicht zu verhindern. Und diese Schichten abzutragen, kann sehr schmerzvoll sein. Es kann schwer sein, das Gefühl von Verletzlichkeit anzunehmen, da wir leicht Verwundbarkeit mit Schwäche verwechseln können und deshalb versuchen, dieses Gefühl vor uns und anderen zu verstecken. Aber wenn wir das tun – wenn wir so tun, als würden wir nicht leiden, als wäre alles in unserem Leben in Ordnung, dann werden unsere Schutzmechanismen zu einer Abwehr, die andere verletzt. Dann werden wir stumpf, gefühllos und kalt und werden unwillig, die Verletzbarkeit anderer zu sehen. Im schlimmsten Fall verachten wir die Zerbrechlichkeit anderer.

Unsere eigenen zarten, fragilen Wünsche nach Glück und Freiheit von Leiden anzunehmen, ist der Beginn wahren Mitgefühls. Und letzten Endes gibt es keine Unterscheidung in Selbstmitgefühl und Mitgefühl mit anderen, sondern nur Mitgefühl:

Wer sich um sich selbst kümmert,
kümmert sich um andere.
Wer sich um andere kümmert,
kümmert sich um sich selbst.            
– Buddha

 Attāna rakkhanto para rakkhati.
Para rakkhanto attāna rakkhati.