Buddhistische Gemeinschaft Triratna

Und was ist der „nahe Feind“ von Mitgefühl?

(nach einer – zum Teil freien – Übersetzung von Bodhipaksa, www.wildmind.org)

Mitgefühl bedeutet, Lebewesen zu wünschen, frei von Leid zu sein. Es ist nicht Konfliktvermeidung, es bedeutet nicht sich von anderen ausnutzen zu lassen, sich nicht zu wehren, wenn es Not täte. Es bedeutet auch nicht einfach nur ’nett sein‘ oder ‚brav sein‘.   Der buddhistische Meditationslehrer und Künstler Chögyam Trungpa nannt diese verdrehte Art des Mitgefühls einfach „Idiotenmitgefühl“.

Das hat nichts mit echtem Mitgefühl zu tun, sondern es verursacht Leid in uns und schließlich auch in anderen.

Je mehr sich jemand selbst für mitfühlend hält, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich nicht um echtes Mitgefühl handelt. Dem mitfühlenden Idioten fehlt es dabei an Mut und Intelligenz.

Es fehlt beim Idiotenmitgefühl an Mut, da ’nett sein‘ und ‚brav sein‘ für die wichtigsten Qualitäten gehalten werden, die wir entwickeln können und wir so Angst bekommen, dass wir etwas tun könnten, das uns bei anderen unbeliebt macht. Idiotenmitgefühl geht häufig einher mit ‚Idiotenfreundlichkeit‘ – zum Beispiel in der Interaktion von Eltern mit ihren Kindern. Manche Eltern wollen die besten Freunde ihrer Kinder werden und sich nicht bei ihnen unbeliebt machen. Und so verwöhnen sie ihre Kinder, geben ihnen was sie wollen und bestrafen sie entweder gar nicht oder nur inkonsequent. Dabei ist es überhaupt nicht die Aufgabe von Eltern, die besten Freunde ihrer Kinder zu sein. Es ist ihre Aufgabe, ihre Kinder zu verantwortungsbewussten Erwachsenen zu erziehen.

An Intelligenz fehlt es dem Idiotenmitgefühl, da es nicht zu Glück oder Freiheit von Leid führt. Wenn dich jemand hintergeht und du ihm gleich danach wieder über den Weg traust, hilfst du weder  ihm noch dir selbst. Es ist doch mehr als unwahrscheinlich, dass die Person, die dich gerade noch nach Strich und Faden hinter das Licht geführt hat, eine plötzliche Transformation zur Gewissenhaftigkeit durchläuft. Jedes noch so vage Versprechen, sich zu ändern kann schon der nächste Versuch sein, dein Vertrauen zu missbrauchen. Deshalb hilft man ihnen nicht, sie so einfach gehen zu lassen. Stattdessen wird man so schnell zum Komplizen dessen, der sich falsch benimmt, so dass man sich selbst viel Leiden zufügt. Es wird ein Punkt kommen, an dem man denjenigen, der wieder und wieder sein Vertrauen missbraucht hat, einfach ablehnt oder aber die Ablehnung richtet sich sogar gegen die eigene Person.

Echtes Mitgefühl scheut nicht davor zurück, Schmerz zu verursachen, wenn dieses nötig ist. Und nebenbei bemerkt, es ist nicht dasselbe, ob man jemandem Schmerz verursacht oder jemandem Schaden zufügt. Der Buddha nahm sich dieses Themas in einem Gespräch mit einem Prinzen namens Abhaya an.

Abhaya war ein Anhänger eines anderen Lehrers und wurde geschickt, um den Buddha in eine Falle zu locken. Er sollte ihn fragen, ob er Worte benutzte, die anderen missfielen. Würde der Buddha zustimmen, würde Abhaya ihn beschuldigen, sich so zu verhalten wie gewöhnliche, nicht erleuchtete Menschen. Würde er aber sagen, er würde solcherlei Vokabular nicht verwenden, sollte Abhaya ihm nachweisen, dass er sehr wohl Wörter benutzt hatte, die andere Menschen aus der Fassung gebracht hätten. Dies wurde als ‚zweischneidige Frage’bezeichnet.

Wenn dem Mönch Gotama von dir diese zweischneidige Frage gestellt wird, wird er weder in der Lage sein, diese herunterzuschlucken, noch wird er in der Lage sein, sie herauszuwürgen.[1]

Doch selbstredend hatte der Buddha keinerlei Schwierigkeiten, diese Falle zu umgehen und er wandte die ‚zweischneidige‘ Metapher zu seinem Vorteil.

Bei dieser Gelegenheit lag ein junges, zartes Kleinkind unbeholfen auf dem Schoß des Prinzen Abhaya. Da sagte der Erhabene zum Prinzen Abhaya: „Was meinst du, Prinz? Wenn dieses Kind ein Stöckchen oder einen Kieselstein in den Mund stecken würde, während du oder dein Kindermädchen nicht darauf aufpaßt, was würdest du dann mit ihm anfangen?“ „Ehrwürdiger Herr, ich würde es herausnehmen. Wenn ich es nicht sofort herausnehmen könnte, würde ich seinen Kopf in die linke Hand nehmen, und indem ich einen Finger der rechten Hand krümme, würde ich es herausnehmen, auch wenn dabei Blut flösse. Warum ist das so? Weil ich Mitgefühl für das Kind habe.“

So brachte der Buddha Abhaya dazu, zu erkennen, dass es berechtigt ist, Schmerz zu verursachen, wenn so Schaden von jemandem abgewendet werden kann. Und er sagt weiter:

„Worte, die der Tathàgata (also der Buddha) als wahr, richtig und nützlich erkennt, aber die anderen unwillkommen und unangenehm sind: für den Gebrauch solcher Worte kennt der Tathàgata den richtigen  Zeitpunkt“.

Und dies sind die einzigen Gelegenheiten, in denen der Buddha etwas sagen würde, von dem er weiß, dass es unliebsam ist.

Es handelt sich hier um eine recht schwierige Anweisung. Was man sagt, soll wahr sein – nicht nur eine Meinung, sondern wirklich die Wahrheit. Dies erfordert große geistige Klarheit. Was man sagt, muss nützlich sein – was wiederum bedeutet, dass ein gutes psychologisches Verständnis und Wissen um den spirituellen Weg vonnöten sind, denn wie sonst soll man wissen, was hilfreich sein soll? Und man muss Achtsamkeit für das richtige Timing mitbringen, um sagen zu können, was gesagt werden muss. Hierfür wird Einfühlungsvermögen gebraucht.

Ich denke nicht, dass es weise ist, zu sagen, dass ehrliche, aber kritische Kommunikation vermieden werden sollte, bis wir einen Grad quasi übermenschlicher Weisheit erreicht hätten. Nur – wie können wir lernen, zu erkennen, ob es nützlich und an der Zeit ist, die Wahrheit zu sagen? Wir lernen dies, indem wir mit soviel Mut, Ehrlichkeit, Freundlichkeit und Weisheit sprechen, wie uns dies möglich ist. Und indem wir über die Konsequenzen nachdenken.

Frage dich: „Vermeide ich Konflikte und nenne das Mitgefühl? Habe ich Angst, ehrlich zu sein, weil ich glaube, davon weniger gemocht zu werden? Nehme ich andere zu schnell aus der Verantwortung? Rege ich mich zu schnell über andere auf?“ Und wenn irgendwas davon zutrifft, nimm deinen Mut zusammen und sprich, selbst, wenn du dabei Fehler machst. Der spirituelle Weg ist, wie ich gern sage, die hohe Kunst des Fehlermachens.

Letztendlich läuft alles auf Spontaneität hinaus. Und so setzt der Buddha schließlich an, zu erklären, wie er spontan in einer Kommunikationssituation reagiert, nachdem er erklärt hat, unter welchen Umständen es hilfreich ist, etwas Unliebsames zu sagen. Jene, die das ehrlichste Mitgefühl empfinden, denken nicht in Begriffen wie ‚Mitgefühl haben‘. Sich selbst ehrlich und mitfühlend auszudrücken ist das, was sie einfach tun.

Deshalb muss man aufpassen, bei der Entwicklung von Mitgefühl nicht zu selbstbezogen zu sein. Je mehr man dies beachtet, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man sich wie ein mitfühlender Idiot verhält.

[1]    aus dem Abhaya Sutta, http://www.phathue.de/page/11/?s=sutta