Buddhistische Gemeinschaft Triratna

(nach Bodhipaksa, wildmind.org | Übersetzung von Christina Reiß)

Umgang mit Ärger

Umgang mit Ärger

Umgang mit Ärger

Manchmal ist es sehr verführerisch, sich ordentlich über andere aufzuregen. Auf einer gewissen Ebene gehen wir davon aus, dass es uns hilft, aber das tut es nicht. Es bereitet uns lediglich selbst Schmerzen.

Es ist ein Thema, bei dem fast jeder von uns Hilfe gebrauchen kann.

Vor 1600 Jahren trug Buddhaghosa, ein Sammler und Kommentator buddhistischer Texte, einen ‚Werkzeugkasten‘ von Möglichkeiten zusammen, wie man mit Verärgerung umgehen kann. Diese Hilfestellung findet sich in Budhhaghosas enzyklopädischer Arbeit über Meditation, dem Visuddhi Magga (‚Weg der Reinheit‘).

 

Zwölf Techniken, mit Ärger umzugehen

1. Praktiziere liebende Güte

Dieser Vorschlag überrascht jetzt wenig – zumindest, wenn man schon etwas Erfahrung mit Meditation hat. Man denkt einfach an die Person, auf die man ärgerlich ist und kultiviert ihr oder ihm gegenüber eine wohlwollende Haltung. Wer mehr über die Metta Bhavana (Entwicklung liebender Güte) wissen möchte, findet zum Beispiel hier Infos. Es ist manchmal erstaunlich, wie schnell sich Ärger und Abneigung damit auflösen lassen.

2. Denke darüber nach,
dass Abneigung niemals gerechtfertigt ist

Buddhaghosa schlägt vor, dass wir ‚über die Säge nachdenken‘.

Das erfordert jetzt ein wenig Erklärung. Es gibt in den früheren buddhistischen Texten das ‚Gleichnis von der Säge‘, in dem der Buddha sagt, dass selbst, wenn einem Banditen brutal die Gliedmaßen absägten, derjenige, der darüber Hass in seinem Herzen entwickelt, nicht seiner Lehre folgte. In anderen Worten: Es ist egal, wie die Provokation im Einzelfall aussieht – Hass ist niemals gerechtfertigt. Der Geist kann so oft mit ‚Aber… aber…‘ protestieren wie er will, Hass bleibt eine negative Emotion und zerstört unser Glück, verursacht anderen Leid und hält uns davon ab, in Frieden zu leben.

So ziemlich alle tragen allerdings die Idee mit sich herum, dass es so etwas wie ‚gerechtfertigten Ärger‘ gibt. Wir erzählen uns selbst Geschichten darüber, wie schlimm jemand anderes ist und das macht es für uns ganz normal, ihn zu hassen. Was wir hier tun können, ist, Verantwortung für unsere Feindseligkeit zu übernehmen. Schließlich ist es unsere Interpretation der Taten anderer, die dazu führt, dass wir sie nicht leiden können. Wir verursachen unsere eigene Abneigung.

Man sollte die Parabel von der Säge übrigens nicht zu wörtlich nehmen. Selbstverständlich würde man jemanden, der einem so etwas angetan hat, hassen – zumindest wenn man nicht nahezu übermenschliche Fähigkeiten entwickelt hat. Das würde dann nicht bedeuten, dass man kein Buddhist ist – aber es würde heißen, dass man im Moment des Hasses nicht der Lehre des Buddhas folgen würde. Der Hintergrund der Parabel ist einfach, die Idee zu untergraben, es gäbe etwas wie ‚gerechtfertigten Ärger‘.

Übrigens gibt es eine Reihe tibetischer Mönche und Nonnen, die von chinesischen Sicherheitskräften brutal gefoltert wurden und es geschafft haben, durch Mitgefühl zu vermeiden, Hass gegen ihre Peiniger zu entwickeln – indem sie sich klar gemacht haben, dass eine solche Handlung zu schlechtem Karma führen wird.

3. Gewinne den richtigen Kampf

Dicht auf den Fersen des Rats, über die Parabel der Säge nachzudenken, folgt die Warnung, dass man durch das Entwickeln von Hass demjenigen, der einen selbst nicht leiden kann, genau das gibt, was er haben möchte. (Vorausgesetzt, die andere Person kann einen wirklich nicht leiden, was ja nicht immer der Fall ist).

Was wünscht einem eine Person, die einen nicht leiden kann? Naja, Böses halt. Buddhaghosa weist darauf hin, dass Hass hässlich macht, Schmerz verursacht, Glück zerstört, dazu führt, dass man Reichtümer verliert (oder erst gar keine anhäuft, weil man dafür viel zu abgelenkt ist), der gute Ruf den Bach runtergeht und Freunde sich aus dem Staub machen. Und eine schlechte Wiedergeburt kann auch noch dazu kommen. Das ist alles schlecht.

Jemand, der dich wirklich hasst, wünscht dir vielleicht all solches Zeug an den Hals – und doch bist du derjenige, der sich selbst all das antut! Du spielst deinem Hasser genau in die Hände und tust ihm oder ihr damit einen Gefallen. Buddhaghosa sagt, dass man, wenn man wütend auf eine wütende Person wird, schlimmer als der andere wird, weil man den „schwer zu gewinnenden Kampf nicht gewonnen“ hat. Dabei meint er natürlich den Kampf mit sich selbst, glücklich und unversehrt zu bleiben.

Im Grunde geht es hier also darum, dass ein echter Sieg nicht daraus entsteht, dass man sich über eine wütende Person aufregt. Das wäre eine Niederlage. Ein Sieg wäre, ruhig, liebevoll und gelassen zu bleiben.

4. Konzentriere dich auf das Positive

 Buddhaghosa schlägt vor, dass wir über etwas Gutes an der anderen Person nachdenken, damit wir Ärger überwinden können.

Das funktioniert auch. Verärgerung kann mit Komplexität nichts anfangen. Wenn man über die guten Seiten des anderen nachdenkt – oder sogar über die Dinge, die wir am anderen schätzen – ist es schwieriger, die eigene Abneigung aufrechtzuerhalten.

5. Entwickle Mitgefühl

Wenn einem nun wirklich überhaupt gar nichts Positives zum anderen einfallen will, oder für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass der andere tatsächlich überhaupt keine positiven Eigenschaften hat, sollte man ihm oder ihr gegenüber Mitgefühl entwickeln. In Buddhaghosas Weltsicht wird eine Person, die keine positiven Eigenschaften aufweist, die die schlechten wieder aufwiegen könnten, in den Höllenwelten enden und verdient damit unser vollstes Mitgefühl. Im Buddhismus sind die Höllenwelten allerdings weder eine dauerhafte Einrichtung noch sind sie als Bestrafung gedacht – es sind einfach Orte, in die wir als Folge unserer Taten für eine Weile wiedergeboren werden können. Buddhistische Höllen sind eine Art „Abspeckcamp“ für schlechtes Karma.

6. Werde darauf aufmerksam,
wie du dir selbst Leid zufügst.

Wenn uns eine andere Person verletzt hat, warum sollten wir uns zusätzlich selbst verletzen? Man muss im Leben auf vieles verzichten, was einen glücklich macht. Weshalb sollte man dann nicht Ärger aus dem Weg gehen, wenn er nur dazu führt, dass es einem schlecht geht? Wenn jemand anderes etwas getan hat, was wir nicht gut heißen, weshalb sollten wir dann selbst auch etwas tun, was wir nicht gut heißen (wie zum Beispiel wütend werden)? Wenn jemand anderes möchte, dass man sich aufregt, weshalb sollte man ihm diese Genugtuung gönnen? Es ist möglich, dass der andere leidet, wenn man auf ihn wütend wird. Es ist aber genauso möglich, dass das nicht funktioniert. Was aber garantiert passieren wird, ist, dass man sich durch Groll selbst Leid zufügt. Das, worüber man sich aufgeregt hat, ist unbeständig und schon längst vergangen. Warum sich jetzt aufregen?

7. Mache dir klar, dass jeder für
sein eigenes Karma verantwortlich ist

Im Buddhismus ist dies eine übliche Reflexion: Jeder ist für seine eigenen Handlungen verantwortlich (kamma oder karma) und muss die Konsequenzen seines Handelns selbst tragen. Wenn sich jemand anderes ungeschickt verhalten hat, muss er die Folgen selbst verantworten. Warum also sollte man nun genau das gleiche tun und sich ebenfalls in seinem Ärger ungeschickt verhalten? Das ist doch, als würde man heiße Kohle aufheben, um damit den anderen zu bewerfen. Es kann schon sein, dass man dem anderen damit weh tut, aber auf jeden Fall tut man sich damit selbst weh.

Sollte die andere Person wütend auf dich sein, wird sie sich genauso selbst Schaden zufügen. Das ist, wie Buddhaghosa sagt, als würden sie eine Hand voll Staub in den Wind werfen. Vielleicht zielen sie auf dich, aber sie sind diejenigen, denen hinterher die Augen brennen.

Wenn man auf diese Weise die Dinge betrachtet, können wir so jeder unser eigenes Leben entwirren. Die Fehler der anderen – ob nun tatsächlich oder nur in unserer Vorstellung – sind für uns nicht länger Grund, selbst Fehler zu machen.

8. Orientiere dich an Geduldsvorbildern

Buddhaghosa übertreibt hier vielleicht ein bisschen, denn er widmet diesem Punkt eben so viel Zeit wie allen anderen zusammen. Seine Herangehensweise besteht darin, uns an verschiedene vergangene Leben des Buddha zu erinnern, die sogenannten jataka Geschichten. Dies sind mythologische Geschichten über die Vorleben des Buddha, in denen er die Qualitäten von Mitgefühl und Weisheit entwickelt, die letztlich zu seinem Erwachen geführt haben.

Was auch funktioniert: Die Nähe von Menschen, die sehr ruhig und geduldig sind, ist häufig ausreichend, um selbst ruhiger zu werden. Es gibt Leute, die nie etwas Schlechtes über andere zu sagen scheinen. Und wenn man sich selbst ausführlich über andere aufgeregt hat, sagen sie etwas Weises und Freundliches und stellen alles in ein neues Licht, so dass man sich hinterher meist schäbig fühlt, schlecht über andere gesprochen zu haben.

9. Mache dir klar, dass alle Wesen
in früheren Leben deine besten Freunde
und nächsten Verwandten waren

Man muss nicht an Wiedergeburt glauben, aber wer es tut, dem könnte Buddhaghosas nächster Rat ebenfalls helfen: Denke immer daran, dass jedes Wesen (einschließlich derer, die dich total auf die Palme bringen) durch die Unendlichkeit von Zeit irgendwann deine Mutter, dein Vater, dein Bruder, deine Schwester, dein Sohn oder deine Tochter gewesen sind. Wenn eine Person deine Mutter war, hat sie dich ausgetragen, aufgezogen, dir den Rotz von der Nase geputzt, den Hintern abgewischt und dich mit Liebe überschüttet. Und mit diesem Gedanken im Hinterkopf können wir Buddhaghosas Worten folgen: „Deshalb ist es unziemlich für mich, für ihn [oder sie] Hass in meinem Geiste zu entwickeln“

Wer mit der Idee von Wiedergeburt nicht so viel anfangen kann, kann sich vielleicht ja mit der folgenden Idee anfreunden: Alles verändert sich stets und ständig und so werden wir mit jedem Moment wiedergeboren. Mit jedem Augenblick stirbt ein Teil von uns und ein neuer entsteht. Jeder noch so kurze Kontakt mit der Welt ist Teil des Prozesses von Tod und Wiedergeburt. Tatsächlich ist jede Wahrnehmung eine Art von Geburt, nämlich die Geburt einer neuen Erfahrung und damit eines neuen ‚Ichs‘. Jede Begegnung mit einem anderen Wesen ist ebenfalls Teil dieses Prozesses. Wann immer wir jemand anderen sehen, hören, berühren oder an jemand anderen denken, kommt eine neue Erfahrung hoch und ein neues Wesen wird geboren. Auf gewisse Weise sind somit alle Wesen, mit denen wir Kontakt haben, unsere Mütter. Alle Wesen, mit denen wir in diesem Augenblick Kontakt haben, helfen, das Wesen zu gebären, das in diesem Moment existiert. Und da in unserer wahnsinnig komplexen Welt die Entfaltung, das endlose Sterben-und-Wiedergeboren-werden jedes Wesens unweigerlich mit dem endlosen Sterben-und-Wiedergeboren-werden jedes anderen Wesens verbunden ist, sind alle Wesen unsere Mütter.

10. Mache dir den Nutzen liebender Güte klar

Was du auch tun kannst, ist, darüber nachzudenken, welche Vorteile die Entwicklung liebender Güte hat und wie du dir diesen Nutzen selbst verwehrst, wenn du dich deinem Ärger hingibst. Was aber ist eigentlich der Nutzen liebender Güte? Nun ja, es ist eine Frage, die jeder für sich selbst durch direkte Erfahrung beantworten sollte, aber hier ist Buddhaghosas Liste aus den Schriften:

  • Man schläft gut,
  • wacht gut auf,
  • träumt nicht schlecht.
  • Man wird von anderen Menschen und nichtmenschlichen Wesen gemocht.
  • Göttliche Wesen beschützen einen.
  • Feuer, Gift und Waffen können einem nichts anhaben (ok, das ist, mit Verlaub gesagt, etwas unwahrscheinlich…).

Vielleicht etwas plausibler:

  • Der Geist findet leichter in einen Zustand der Konzentration.
  • Man wird in einer angenehmen Welt wiedergeboren (oder zumindest wird die Zukunft angenehmer sein als die, die man hätte, wenn man jetzt keine liebende Güte entwickeln würde).

Ein paar von diesen Punkten sind recht plausibel. Es gibt auch wissenschaftliche Forschung, die zeigt, dass das Üben der Metta Bhavana (also die Entwicklung liebender Güte) zu besserer Gesundheit, einschließlich geistiger Gesundheit, führt. Freundliche Menschen scheinen generell eine angenehmere Sicht der Welt zu haben, mit weniger Konflikten und mehr erfüllenden zwischenmenschlichen Erfahrungen. Wenn man sich seinem Ärger hingibt, versagt man sich selbst diese Erfahrung. Groll ist die gesättigte Fettsäure unter den Emotionen, die einem die Glücksarterien verstopft.

11. Zerlege die Person in winzige Teile

Mental (nicht physisch!) können wir das Objekt unseres Ärgers in mehrere Teile zerlegen und uns dabei fragen, worüber wir uns eigentlich ärgern. Sind es die Kopfhaare, die Körperhaare, die Fingernägel, die Zähne, etc.? Ist es die feste Masse, aus der die Person besteht, die Flüssigkeiten, die Gase, die Energie?

Das mag zunächst mal etwas albern erscheinen, aber es lohnt, diese Methode einmal zu probieren. Denn man denkt schnell: ‚Naja, natürlich bin ich nicht wütend auf einen von diesen Aspekten, sondern auf die ganze Person!‘ Aber wenn man den Ärger mal beiseite lässt und darüber nachdenkt, was die Person eigentlich ausmacht, kommt man schnell von dem Gedanken weg, dass es ‚ein Ganzes‘ gibt und ist zumindest kurzzeitig von seinem Ärger abgelenkt.

Wie Buddhaghosa es ausdrückt: „Wenn er die Zerlegung in die Elemente versucht, findet sein Ärger keinen Halt, wie ein Senfkorn auf der Nadelspitze“. Da hat er wohl recht.

12. Mach ein Geschenk

Diese Idee ist erfrischend direkt und bodenständig. Wenn man der anderen Person etwas schenkt – vor allem, wenn es etwas ist, was man selbst schätzt – durchbricht man die Dynamik des Ärgers. Das schüttelt einen innerlich ordentlich durch, denn hierfür muss man die andere Person als einen Menschen mit Bedürfnissen sehen. Man muss darüber nachdenken, was der andere mag. Und man hörst auf, den Geist durch die immer gleichen Beschwerdeschleifen zu schicken. Man muss seinen verdammten Stolz überwinden. Ein Risiko eingehen. Man muss sich selbst verletzlich machen.

Und der anderen Person etwas zu schenken ändert die Dynamik der Beziehung. Wenn der Ärger auf Gegenseitigkeit beruht, kann der Schock des Geschenks dazu führen, dass der andere einen mit anderen Augen sieht.

Buddhaghosa zeigt auf, dass Schenken ganz von alleine zu freundlicherer Sprache führt.

Vielleicht denkst du jetzt etwas wie: „Moment mal! Ich hasse diesen Menschen, wieso um alles in der Welt würde ich ihm etwas schenken wollen?“
Aber das führt zu einer anderen Frage. Willst du überhaupt deinen Ärger beenden?

Tja, wie sieht es aus – willst du?